Geschichte und Gegenwart
Zum AnfangGeschichte und Gegenwart
- Walter Ruggle
Von Adrien Kuenzy und Teresa VenaEin halbes Jahrhundert Schweizer FilmpolitikVon der Branche selbst gewollt, um die Branche zu repräsentieren und zusammenzuführen, ist das Cinébulletin nun schon seit fünf Jahrzehnten auf der Achterbahn der eidgenössischen Filmförderlandschaft mitgefahren. Eine Gelegenheit zurück- und gleichzeitig nach vorne zu schauen
Cinébulletin im GesprächVincent Adatte bei Radio VostockDer Präsident des Vereins erzählt
Produktion der Zeitschrift
Zwei StandbeinePrint und Online
«Zudem versuchen wir, ein Gleichgewicht zu finden zwischen verstärkter Online-Präsenz und fortdauernder Druckausgabe.»Um diesem doppelten Anspruch gerecht zu werden, muss der Verein, der über beschränkte Mittel verfügt, flexibel bleiben, damit es auf die verschiedenen Anforderungen reagieren kann.
Die Zeitschrift muss ihre redaktionelle Unabhängigkeit bewahren und zugleich die institutionellen Förderorganismen von der Legitimität ihrer Entscheidungen überzeugen. Wie der ehemalige Leiter der Zeitschrift, Thomas Tribolet, betont, war bisher eine der Stärken des Cinébulletins immer, «klein zu bleiben, um fortzubestehen», und die Verankerung in der Branche im Fokus haben.
Repräsentation
Frauen im Schweizer Kino und bei Cinébulletin
Die Fragen stellte Adrien Kuenzy«Zu Beginn wollte man nicht einmal wissen, dass es weibliche Filmschaffende gibt.»Gespräch mit der Regisseurin Lucienne Lanaz, Pionierin des Schweizer Dokumentarfilms und bekannte Vertreterin des Autorenfilms. Von ihrem Bauernhof im Jura aus spricht sie über ihren Werdegang, die Kämpfe der Frauen in der Branche und die Entwicklung einer Zeitschrift, der es ihrer Meinung nach gelungen ist, sich neu zu erfinden.
Wenn ich mich nicht irre, kenne ich die Zeitschrift seit ihren Anfängen. Das war um 1975, richtig? Ja, genau, ich begann 1974 meinen ersten Film und 1976 den zweiten. Das Cinébulletin war ein Teil dieser kreativen Zeit.Sind Sie der Zeitschrift über die Jahre treu geblieben?Ja, ich lese sie heute noch. Ich finde darin immer interessante Artikel. Natürlich nicht alle, aber ich schätze die Vielfalt. Vor allem die Dreisprachigkeit finde ich sehr wichtig. In einem Land wie unserem ist das ein rares Gut.
Welche Veränderungen sind Ihnen an der Zeitschrift besonders aufgefallen?
Ich würde sagen, dass heute technische Aspekte mehr im Vordergrund stehen und es weniger philosophische, humanistische Artikel gibt. Doch ich verstehe, dass dies den Bedürfnissen der jüngeren Generation entspricht: Sie braucht Werkzeuge, um ihre Filme zu machen.
Wie hat sich die Stellung der Frauen im Cinébulletin verändert?
Zu Beginn waren Frauen inexistent – wie überall. Man wollte nicht einmal wissen, dass es weibliche Filmschaffende gibt. An den Solothurner Filmtagen waren wir drei oder vier, und wir mussten kämpfen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Das änderte sich, als man begann, Filme von Frauen zu zeigen, in Solothurn wie in Zürich. Dort habe ich um 1977 andere Regisseurinnen wie Isa Hesse getroffen, mit der ich mich anfreundete. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, ich fühlte mich weniger allein.
Sie haben Ihre Filme oft selbst produziert. Trug das Cinébulletin zu deren Sichtbarkeit bei?
In der Anfangszeit nicht wirklich, wenn ich ehrlich sein soll. Die Zeitschrift war recht chauvinistisch, doch das war damals der Zeitgeist. Als später neue Redaktorinnen hinzukamen, änderte es sich. Heute ist das Cinébulletin meiner Meinung nach ein wertvoller Raum, wo man sogar in einem so zersplitterten Land wie unserem zusammenfinden kann.
Sie haben 1975 die Gruppe CH-Filmfrauen gegründet. Was waren ihre Ziele?
Es ging in erster Linie um Freundschaft. Wir trafen uns bei mir, sprachen über unsere Projekte und Schwierigkeiten. Wir hatten weder die Kraft, noch die Mittel, eine Produktionsstruktur aufzubauen, doch das Netzwerk bot uns moralische Unterstützung. Es war nichts Offizielles, ich glaube nicht einmal, dass das Cinébulletin darüber berichtete. Doch für uns war es wichtig.
Wie nehmen Sie heute die Debatten über Geschlechtergleichberechtigung im Cinébulletin und in der Gesellschaft wahr?
Offen gesagt geht mir das ein bisschen zu weit. Ich verstehe, dass man heute das Thema Geschlecht im weiteren Sinn behandelt, doch für mich zählt die reale Gleichstellung aller Menschen! In Bezug auf Entlöhnung, psychische Belastung, Anerkennung. Nicht die mediale Aufmerksamkeit. Meine Befürchtung ist, dass man vor lauter Debatten über Etiketten das Wesentliche vergisst.
Wie beurteilen Sie die heutige Schweizer Filmbranche?
Mich stört die mangelnde Vielfalt in den Jurys der Auswahlkommissionen: viele in den Vierzigern, kaum Senioren und Seniorinnen. Und die Kürzung der Kulturfördergelder ist dramatisch. Kultur ist ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Wenn wir sie aufgeben, verlieren wir etwas Grundlegendes.
Arbeiten Sie zurzeit an einem neuen Projekt?
Ja, ich produziere den Film «Victorin et Mlle Bichcuits» von Julie Frund-Pozner, ein wunderschönes Projekt für Kinder, das Animation und Theater auf feinfühlige und fantasievolle Weise verbindet. Wir sind mitten in der Produktion.
Lucienne Lanaz
Ein Film von Mathias Wälti
Grafische Gestaltung
Grafische Gestaltung
Von Adrien KuenzyÄsthetischer Wandel Von der experimentellen Gestaltung der Anfänge bis zur modernen Schlichtheit hat das Cinébulletin seine visuelle Identität laufend angepasst.
Unsere Leserschaft
Von Adrien Kuenzy und Teresa VenaCinébulletin aus der Sicht seiner Leserschaft
Leserschaftsumfrage
Praktisch alle Teilnehmenden gaben an, im Film- oder audiovisuellen Sektor zu arbeiten. Am stärksten vertreten war mit 43 Prozent die Altersgruppe von 41 bis 60 Jahren, gefolgt von den über 60-Jährigen mit 31 Prozent.
Die Befragten sind mehrheitlich männlich und deutschsprachig: 60 Prozent der Antworten kamen aus der Deutschschweiz, 25 Prozent aus der Westschweiz und 15 Prozent aus dem Tessin, was zufällig einer realen Verteilung der Leserschaft entspricht. Eine Mehrheit von 57 Prozent bevorzugt das Papierformat; nur 2,8 Prozent der Teilnehmenden lesen das Cinébulletin ausschliesslich Online.
Wenn es um die inhaltliche Strukturierung der Zeitschrift und die Vorliebe für die eine oder andere Rubrik geht, sind (fast) alle Meinungen vertreten. Für Diskussionen sorgt die Eingliederung der italienischen Schweiz über eigene italienischsprachige Seiten, da die Sprachenvielfalt grundsätzlich begrüsst wird, aber auch angeregt wird, Themen nicht nur nach Regionalität zu organisieren.
In Bezug auf Tonalität und Stil der Zeitschrift gehen die Meinungen der Befragten auseinander. Viele schätzen die ihrer Ansicht nach «engagierte», «kritische» und «professionelle» Berichterstattung. Einige stellen aber auch eine gewisse «Monotonie» oder zu grosse «Neutralität» fest.
Zahlreiche Befragte wünschen sich eine intensivere Auseinandersetzung mit der nationalen und internationalen Filmpolitik. Dabei werden Fördermassnahmen, institutionelle Debatten und Diversität als Themenbereiche genannt, die detaillierter behandelt werden sollten. Andere würden mehr Beiträge zu technischen Berufen begrüssen, um «manuelle Arbeit und Handwerk in einer zunehmend digitalisierten Welt aufzuwerten».
Die prekäre Situation vieler Kunstschaffender wird auch genannt, zum Beispiel im Bereich der Altersvorsorge, sowie die Herausforderungen in Bezug auf Bilderziehung, Kinderfilme und Zugänglichkeit der Inhalte. Manche bedauern die mangelnde internationale Ausrichtung: «Es wird zu wenig über Schweizer Erfolge im Ausland berichtet», oder: «Mir fehlt eine richtige Analyse des Desinteresses des Publikums für das aktuelle Filmschaffen.»
Die Aufforderung, das Cinébulletin in wenigen Worten zu umschreiben, wurde am häufigsten mit Ausdrücken wie «informativ», «aktuell» und «unverzichtbar» beantwortet. Doch auch hier gab es kritische Stimmen, welche die Zeitschrift als «zu kurz», «zu schnell gelesen» oder «zu nüchtern» bezeichneten.
Welche Rubriken lesen Sie am meisten?
Wie würden Sie das Cinébulletin beschreiben?
Nachwuchs
Die Zukunft
Eine Podcastreihe
Fotogramm
Impressum
Verlagsleitung: Daniela Palumbo
Chefredaktion: Adrien Kuenzy, Teresa Vena
Redaktionsassistenz: Alexandre Ducommun
Grafik: Ramon Valle
2025 © Cinébulletin
Bildnachweise:
Micha Schichow © zvg
Pierre Lachat © zvg
Walter Ruggle © zvg
Michael Sennhauser © zvg
Françoise Deriaz © Solothurner Filmtage
Alain Tanner © Collection Cinémathèque suisse
© Pexels / Lé Minh
Vincent Adatte © zvg
Adrien Kuenzy © zvg
Illustration © Julie / Julot Wuhrmann
Lucienne Lanaz © zvg
«Giuseppe», Isabelle Favez © zvg
«Plastic Boomers» © JungeTalente.ch
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